Die Synagoge

Der "Tempel" präsentiert sich heute als Gebäude mit zwei Nutzungseinheiten. Während Erd- und Untergeschoss ausschließlich religiösen Aktivitäten vorbehalten sind, befindet sich im Obergeschoss ein Kultur- und Veranstaltungszentrum, welches neben gemeindeeigenen Aktivitäten der interkulturellen Begegnung und Verständigung gewidmet ist und auch die Administration unserer Gemeinde beherbergt. Zentrum des Bauwerkes bildet dabei unzweifelhaft die im Erdgeschoss gelegene eigentliche Synagoge, deren markantes Merkmal die sechs historischen gusseisernen Säulen bilden.

 

Ihre wichtigsten Elemente bilden der Almemor (Bimah) und die Heilige Lade, die sich heute wiederum an exakt jenen Stellen des Raumes befinden, wo sie bereits bis zur Zerstörung des Jahres 1938 anzutreffen waren.

Der Almemor, auf dem die Thora gelesen wird, nimmt die Mitte der Synagoge ein, um die sich die Gemeinde versammelt. Das hölzerne und erhöht stehende Pult wird durch das weiße Deckenfeld und indirekte Beleuchtung besonders hervorgehoben. Die Bankreihen mit Klappsitzen und versperrbaren Fächern sind an nord-, west- und südseitig um die Bimah angeordnet. Die Heilige Lade mit den Thorarollen befindet sich in einer um drei Stufen höher liegenden raumhohen Nische an der Ostwand. Sie wird von einem kunstvoll besticktem Vorhang aus blauem Samt geschmückt, welcher anlässlich der Wiedereinweihung des Gebäudes gestiftet und für diesen Anlass eigens in Israel gefertigt wurde. Rechtsseitig befindet sich das Pult für den Vorbeter. An der linken Seite wurde – heute unsichtbar - am 5. Juli 2004 die Grundsteinurkunde eingemauert. Formen von Fenstern und Türen folgen in der Synagoge - wie im Gesamtgebäude - ebenso wie die Deckmalereien den historischen Mustern.


Dem Erfordernis der Geschlechtertrennung in orthodox geführten jüdischen Go"tteshäusern Rechnung tragend wurde im hinteren Teil der Synagoge eine Frauenempore, welche über einen variablen Sichtschutz (Mechizah) verfügt. ausgeführt. Sie ist wie die Männerabteilung über die an der Westseite der Synagoge gelegene Vorhalle erreichbar. Ihr Entrée bildet eine Nurglaskonstruktion. Die Synagoge weist heute 75 Männer und 40 Frauensitzplätze auf.

Die für beide Nutzungseinheiten notwendigen Nebenräume wurden fast zur Gänze in dem dem Tempelgebäude nordseitig vorgelagerten und neu errichteten Zubau untergebracht, dem das alte Bethaus weichen musste. In seinem Untergeschoss befindet sich etwa ein kleinerer Veranstaltungssaal, in dem Freitag Abend der Oneg Shabbat abgehalten, sowie der Religionsunterricht erteilt wird. 

 

Für den Nordtrakt wurde das Ziel verfolgt, dass er sich deutlich von der historischen Substanz des Synagogengebäudes abheben soll. Seine Natursteinfassade bildet zugleich ein Mahnmal. Dort eingraviert finden sich in hebräischen und lateinischen Lettern die Namen all jener 27 niederösterreichischen Orte, in denen sich 1938 Synagogen oder öffentliche jüdische Bethäuser bestanden. 

 

Im Zentrum des Obergeschosses des Tempels steht der (teilbare) große Fest- und Veranstaltungssaal unserer Gemeinde. Er bietet inklusive Podium bis zu 170 Personen Platz und ist über das neu wiedererrichtete Nordstiegenhaus zu erreichen. Zu seinen Nebenräumen zählt insbesondere auch eine Bar mit circa 45 Sitzplätzen. Für Personen mit speziellen Bedürfnissen steht an der südseitig gelegenen Außenstiege ein Treppenlift zur Verfügung.

 

Das Sekretariat und administrative Herz der Gemeinde befindet sich schließlich im Dachgeschoss.

 

Geschichte

Das im Zentrum Badens gelegene Grundstück auf dem sich heute die Synagoge befindet, steht – sieht man von der Zeit der Arisierung bis zur Rückstellung ab - seit mehr als 135 Jahren in jüdischem Besitz. 1870 erwarb es der Israelitische Kranken Unterstützungsverein im darauf folgenden Jahr hofseitig links das erste öffentliche jüdische Bethaus der Stadt zu errichten. Bei der feierlichen Einweihung dieses hundertzwanzig Quadratmeter umfassenden Baus sorgte niemand geringerer als der aus Hohenems stammende bekannte Wiener Kantor Salomon Sulzer für die musikalische Umrahmung.

 

Nachdem diese Andachtstätte aber offenbar nicht den Ansprüchen des modänen Kurpublikums entsprochen haben dürfte, beauftragte die Jüdische Gemeinde 1872 den Badener Stadtbaumeister und späteren Bürgermeister Franz Breyer mit der Planung und Errichtung einer großen Synagoge. Die gegen Ende 1872 aufgenommen Bauarbeiten wurden 1873 abgeschlossen. 1883 wurde der so genannte „Tempel“ noch um ein rechtsseitig angeordnetes, zweites Stiegenhaus erweitert.

 

Der 1871 errichtete Betsaal diente in den folgenden Jahrzehnten unterschiedlichen Zwecken. 1938 waren in dem Gebäude der Sitzungssaal der Badener Kultusgemeinde sowie die Religionsschule untergebracht.

 

Der Hauptraum des Tempels war zweigeschossig angeordnet, wobei das obere Geschoß, die Frauenabteilung, aus einer seitlich und über dem Vorraum befindlichen Galerie bestand, welche über eine links angeordnete Wendeltreppe und die rechtsseitige Stiege zu erreichen war. Die Deckenkonstruktion bestand aus Stahlträgern mit 6 gusseisernen Säulen, welche auch heute noch erhalten sind.

 

Bis zum Jahre 1938 bildete die Synagoge das religiöse Zentrum der drittgrößten jüdischen Gemeinde Österreichs.

 

Im Zuge des Novemberprogroms blieb der Tempel aufgrund seiner Nähe zur städtischen Feuerwache von Brandschatzungen verschont. Allerdings war die Inneneinrichtung des Gebäudes bereits im September 1938 zerstört und das Gebäude zwangsweise der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt zur Unterbringung von Volksdeutschen Verfügung übergeben worden.

 

Der ursprünglich freie Luftraum zwischen den seitlich über dem Männerbetsaal angeordneten Galerien, der Damenabteilung, wurde im Jahre 1940 von den Nationalsozialisten durch eine verkleidete Traversendecke geschlossen, sodass zwei getrennte Geschoße entstanden. Nach Auflösung der Israelitischen Kultusgemeinde Baden im selben Jahr wurde die Liegenschaft von der Stadtgemeinde Baden „erworben“.

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, diente das 1952 restituierte Gebäude, den Sowjettruppen als Mannschaftsküche und –ausspeisung.

 

Der von den wenigen überlebenden und zurückgekehrten Badener Juden gebildeten Gemeinde und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien fehlten in der Folge aber die Mittel, um das inzwischen stark in Mitleidenschaft Gebäude wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. So wurden ab Anfang der 1950er-Jahre die G“ttesdienste während der Sommermonate und zu den Hohen Feiertagen zunächst im Sanatorium Esplanade abgehalten.

 

1963 wurde das linksseitige Hofgebäude auf dem Grundstück Grabengasse Nr. 14, der 1871 errichtete "Sitzungssaal", als Bethaus adaptiert und stand als solcher bis zum April 2004 in Verwendung unserer Gemeinde.

Im Jahre 1988 sollte das zwischenzeitig bereits stark verfallene Tempelgebäude abgerissen werden. Eine Initiative um die Aktivisten Peter D. Eggenhofer, den Wiener Maler Georg Chaimowicz sowie dessen Großcousin, dem gegenwärtigen Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Baden, MMag. Elie Rosen, und das darauf folgende breite Interesse in- und ausländischer Medien verhinderten schließlich den Abriss.

 

Zwar wurde in den Folgejahren in Verhandlungen mit der Stadt Baden, dem Land Niederösterreich und dem Bund immer wieder versucht, eine Renovierung des Gebäudes durch die öffentliche Hand zu erreichen, doch kam es letztlich erst im Herbst des 2002 zum entscheidenden Durchbruch. In einer am 21. Oktober 2002 abgehaltenen Pressekonferenz konnten der niederösterreichische Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll, Vertreter der jüdischen Gemeinde sowie der Badener Bürgermeister Prof. August Breininger eine Einigung hinsichtlich der Mittelaufbringung verkünden. Demzufolge wurden die Hälfte der Baukosten vom Land Niederösterreich sowie je ein Viertel von Bund und Stadtgemeinde Baden getragen.

 

Hinsichtlich der Sanierung boten sich grundsätzlich zwei Alternativen: Die erste Möglichkeit wäre gewesen, die von den Nationalsozialisten 1940 vorgenommene Schließung der Galerien und die damit erreichte Schaffung von zwei unabhängigen Geschossen rückgängig zu machen und ein Projekt, das rein auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes abzielt, zu verfolgen.

 

Die zweite Möglichkeit war, den Veränderungen der jüdischen Gemeinde Rechnung zu tragen und ein Konzept umzusetzen, das der shoahbedingten leider deutlich geringeren Anzahl von Gemeindemitgliedern Rechnung trägt.

 

Eingedenk laufender Betriebskosten wurde vorrangig aus wirtschaftlichen Überlegungen die zweite Variante verfolgt und versucht, durch einen möglichst behutsamen Eingriff in den Bestand, ein religiöses Zentrum im Erdgeschoss entstehen zu lassen, das den Bedürfnissen unserer Gemeinde trägt.

 

Bei der Wahl der Nutzung der ersten Stockes, der ehemaligen Frauenabteilung, haben wir uns für einen multifunktionalen Veranstaltungsraum entschieden, der bis zu 170 Personen Platz bieten und neben gemeindeeigenen Zwecken der interkulturellen Begegnung und Verständigung dienen sowie das Büro unserer Gemeinde beherbergen sollte.

 

Nach umfangreichen Planungsarbeiten wurden die Bauleistungen für das Projekt im April 2003 öffentlich ausgeschrieben. Am 16. September 2003 wurde der Generalunternehmervertrag mit der Dipl. Ing. Hugo Durst GmbH in Wien, einer Tochter der deutschen Hoch-Tief Bau, unterzeichnet und die Bauarbeiten am 15. April 2004 aufgenommen. Schließlich konnten die Arbeiten am 14. September abgeschlossen und das Gebäude 67 Jahre nach seiner Profanisierung wieder seiner ursprünglichen Bestimmung übergeben werden. Die feierliche Wiedereröffnung fand am 15. September 2005 statt.