✡ Bedeutende jüdische Persönlichkeiten

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✡ Rabbiner Wolf Kohn (1835-1913)

Rabbiner Wolf Kohn wurde im Jahre am 17. Tamuz 5595 (14. Juli 1835) in ärmlichen Verhältnissen als Sohn des R. Shmuel Kohn und dessen Ehefrau Ester im tschechischen Rudnitz (Radonice) geboren. Mit finanzieller Unterstützung eines betuchten Mitgliedes der dortigen jüdischen Gemeinde begann er im Alter von 12 Jahren zunächst sein Studium an der bekannten Pressburger Yeshiwah beim Baál Kataw Sofer. Zu seinen Lehrern zählten in weiterer Folge der Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Jermat, Rabbiner David Deutsch z“tl , Rabbiner Shmuel Sommer und der berühmte Chaim Sofer. Schließlich beendete er seine rabbinischen Studien im slowakischen Serdahel (Duna Szeerdahely) bei Rabbiner Yehuda Asad.

In Szerdahely Ehe mit Sara Levia (Lotti) Bischitz. Der Ehe entstammten 7 Kinder, vier Töchter und drei Söhne. 1878 bestellt ihn die Gruppe der Orthodoxen um Josef Löw, Schwager des im gleichen Jahr verstorbenen Leopold Herz, zum Privatrabbiner im Herz´schen Bethaus in der Wassergasse 14. Besonders in den Sommermonaten wurde sein Lehrhaus nach und nach Anziehungspunkt für die jüdische Orthodoxie.

Im Jahre 1878 als er zu seinem Dienst nach Baden kam, rief er nach einem Tischler und gebot ihm, ihm den Tisch in seinem Lehrhaus zu verbreitern, indem er in der Mitte ein neues Brett einfügte. Auf diesem Brett lehrte er Thora alle Tage seines Lebens. Sieben Tage vor seinem Tod im Jahre 1913, nachdem er sein Gebet beendigt hatte, rief er den Schochet Jakob Kussel und bat ihn und seinen Neffen, ihm behilflich zu sein, dass Brett aus dem Tisch zu ziehen, weil es ihm selbst zu beschwerlich war. Auf die Frage des Schochets warum er diese täte, antwortete er ihm kein Wort. Das Brett gab er vor seinem Neffen an einen besonderen Ort im Lehrhaus und er sagte zu ihm „Vergiss es nicht, denn mein Testament befindet sich in einer Kiste im Lehrhaus und dort steht geschrieben, was mit diesem Brett zu tun ist.“ Nach Mittag sagte er, dass ihn seine Kräfte verließen und er legte sich zu Bett und gebot, seine drei in Deutschland lebenden Söhne und seine vier Töchter zu holen, in deren Kreise er sieben Tage später im 78. Lebensjahr verstarb. Sein Leichnam wurde schließlich auf den jüdsichen Friedhof nach Duna Szerdahely überführt und dort zur letzten Ruhe gebettet. Zu seinem rabbinischen Nachfolger wurde sein Schwiegersohn Salomon Friedmann bestellt.


✡ Oberrabbiner Prof. Wilhelm Reich (1852 - 1929)

Bereits knapp zwei Jahre nach Konstituierung der Israelitischen Kultusgemeinde Baden (1878) wurde der 1852 in Karlsburg, Komitat Pressburg, geborene Wilhelm Reich zum Rabbiner der aufstrebenden Gemeinde bestellt. Seine rabbinische Ordination erhielt er nach dem Studium an der renommierten Pressburger Jeshiwah vom bekannten Rabbiner Simchah Bunem Sofer (auch: Chatam Sofer). Die Amtseinführung fand am 5. Februar 1880 statt. Zuvor verrichtete Reich von 1875 an das Rabbinat im ungarischen Sárvar. Ab dem Jahre 1894 bis zu seinem Tod war er zugleich auch Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Neunkirchen. Reich war früher Zionist und als solcher auch bei ersten Zionistenkongress in Basel anwesend. 1905 war er Teilnehmer einer Gesellschaftsreise ins damalige Palästina. Die Eindrücke dieser Reise hielt er in seinem Werk „Nach Osten“ fest.

Oberrabbiner Wilhelm Reich erfreute sich Zeit seines Lebens innerhalb der jüdischen Gemeinde sowohl bei der Orthodoxie als auch bei den Liberalen großer Beliebtheit. 1990 berichtete seine Tochter Sidi: „Ich habe immer große Verehrung, Liebe und Anhänglichkeit von Seiten der Kehilla meinem teuren Vater gegenüber verspürt. Unser Haus war immer Anziehungspunkt für viele Besucher. Baden war doch eine Kurstadt und es gab Besucher aus vielen Ländern. Oft wurde mein Vater von Wien aus gebeten an einem Beth Din mitzuwirken. Er hatte eine große Rednergabe und ich erinnere mich an die tiefe Bewegung und Ergriffenheit nach seinen Predigten“.

Am 16. Juli 1918 wurde Rabbiner Wilhelm zum Bürger der Stadt Baden ernannt. Nach fast fünf Jahrzehnten segensreichen Wirkens verstarb er infolge eines Schlaganfalles, den er bei einer Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof erlitten hatte, am 24. Juli 1929 im Badener Rathschen Krankenhaus. Im Oktober 2004 wurde nach Oberrabbiner Prof. Wilhelm Reich eine der Alleen am Bahnhofsplatz benannt.
Die Geschichte der Rabbinerfamilie Reich

Wilhelm (hebr.: Benjamin Zeev) Reich entstammte einer alten Rabbinerfamilie, die nach einer Familienüberlieferung ihren Ursprung auf Don Isaak Abarbanel (1437-1508) zurückführt, welcher bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien als Finanzberater am spanischen Königshof tätig war. Die Flucht der Familie führte nach Italien, wo man in Mailand eine erste Bleibe fand. Ein Teil der Nachkommen zog über Polen und Russland bis ans Kaspische Meer, ein anderer Teil gelangte im Jahre 1620 ins bayrische Altenkunstadt.

Als Sohn des R´ Zwi-Hirsch Ben Shmuel erblickte dort im Jahre 1765 Jakob Koppel das Licht der Welt, welcher im Alter von zehn Jahren auf die Jeshiwa des Rabbiners Josef Steinhardt nach Fürth geschickt wurde.

1782 gelangte Jakob Koppel schließlich nach Prag, wo er einer der Lieblingsschüler des bekannten Rabbiners Ezechiel Landau (1713-1793) wurde. Landau galt zu seiner Zeit als Eiferer gegen alle Neuerungsströmungen im Judentum und sprach etwa über Moses Mendelsohn aufgrund dessen deutscher Bibelübersetzung den Bann aus.

Durch Patent vom 13. Juli 1787 wurde im Rahmen der Josephinischen Reformen für sämtliche Juden in außerungarischen Provinzen die Annahme von Familiennamen vorgeschrieben. Jakob Koppel, damals noch in Prag wohnhaft, machte wählte den Namen seines Geburtsortes Altenkunstadt zu seinem Familiennamen.

1788 weilte Jakob Koppel in Pressburg, wo er Rabbiner Meir ben Saul studierte. 1792 trat er die Stelle als Rabbiner im slowakischen Verbó an, die er bis zu seinem Tode im Jahre 1835 ausübte. Aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten gab man ihm schon zu Lebzeiten den Beinamen „Charif“, der Scharfsinnige.

Unter dem Titel „Chiddushe Jabbez“ erschienen posthum 1837 in Pressburg seine Novellen zum Talmud Traktat „Chullin“, welche auch vom bekannten Rabbiner Moshe Sofer approbiert wurden.

Der Ehe Koppel Charifs mit Reisel, der Tochter des Stampfener Gemeindevorsteher Josef Pessel, entstammten

  • Shmuel, der schon in jungen Jahren verstarb.
  • Shimon, geb. 1794. Er lebte in weiterer Folge im ungarischen Kecskemet
  • Sheindl, sie heiratete Eli Bustin sowie
  • Pessel, die Ehefrau von Rabbiner Avraham Dohan

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Rabbiner Koppel deren Schwester Liebele. Der Ehe entstammten weitere fünf Kinder:

  • Matl, die spätere Frau von Rabbiner David Leib Berdach, lebte im slowakischen Jacovce.
  • Yittl, die Frau von Rabbiner David Leib Rosenzweig.
  • Zwi Hirsch, über den keine näheren Angaben vorliegen
  • Meshulam, der in Trencin in Slowakien lebte. Sein Sohn war Yeshaija Reich.


Rabbiner Avraham Yechezkel (1813-1908)

Die Söhne des Jakob Koppels nahmen später den Familiennamen Reich an, da ihr Vater aus dem (Heiligen Römischen) Reich (deutscher Nation) gekommen war. Besonders mit seinem jüngsten Sohn Avraham Jecheskel (1813-1888) soll Rabbiner Koppel Charif ein sehr herzliches Verhältnis verbunden haben, weil ihm dieser im Alter bei vielen Aufgaben zur Seite gestanden sein soll. Avraham Jecheskel war es auch, der einige der Novellen seines Vaters später veröffentlicht hat. Von 1850 bis 1855 wirkte Avraham Jecheskel Reich als Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Karlsburg, Ungarn. In diese Zeit fällt auch die Geburt seines Sohnes Wilhelm. 1855 wurde er zum Rabbiners von Bánovce (Banovitz) bestellt, wo er die restlichen dreiunddreißig Jahre seines Lebens verbrachte.

Die Kinder von Rabbiner Avraham Jecheskel Reich und dessen Frau Sara geb. Just, waren:

  • Der Badener Oberrabbiner Prof. Wilhelm Reich (1852-1929)
  • Heinrich (Chaim Löb) Reich, zunächst Rabbiner der selbständigen Kultusgemeinde von Floridsdorf bei Wien, später Rabbiner im fünften Wiener Gemeindebezirk Wieden.
  • Rabbiner Moritz (Moshe) Reich, Nachfolger seines Vaters im Rabbinat von Bánovce.
  • R´Yechiel Michel, welcher im Alter von 22 Jahren in Pressburg verstarb.
  • kaiserlicher Rat Oberrabbiner Jakob Koppel Reich (1838-1929), welcher 1860 das Rabbinat in Sobotia übernahm und von 1872 bis 1890 seinem Großvater im Rabbinat Verbo nachfolgte. 1890 wurde er zum Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde von Budapest und zum Vorsitzenden der ungarischen Rabbinerkommission gewählt. Ab dem Jahre 1926 war Koppel Reich auch Mitglied des ungarischen Magnatenhauses.
  • Rebekka (Rivka Chaila) Reich, verheiratet mit Rabbiner Bär Duschinsky, Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Namesto, Slowakei


Die Nachkommen von Oberrabbiner Wilhelm Reich

Seine erste Ehe schloss Wilhelm Reich wohl noch in Ungarn mit der am 3. März 1852 in Neutra geborenen Physikertochter Sidonie Sommer, welche im Gegensatz zu Wilhelm Reich aus vollkommen säkularem Haus stammte. Die Rabbinersgattin verstarb plötzlich und unerwartet am 7. Mai 1898 an einer chronischen Nierenentzündung. Der Ehe entstammten sechs Kinder:

  • Dr. Nathaniel Reich (1876-1942). Er absolvierte seine archäologischen Studien in Wien und wirkte in seinem Studienfach an den Universitäten Prag, Turin und Wien sowie ab den 20er Jahren in Philadelphia, wo er 1942 kinderlos verstarb.
  • Karl Reich, verstarb im frühen Kindesalter bereits 1878
  • Dr. Albert Reich (1879-1964), studierte an der Wiener Universität Chemie und lebte in weiterer Folge in Budapest, wo er eine chemische Fabrik betrieb. Nach ökonomischen Rückschlägen wurde er nach dem ersten Weltkrieg in Wien als Versicherungsagent tätig. 1938 flüchtete er mit seiner Frau Louise geb. Braun über Brüssel nach Frankreich, von wo ihm nach kurzer Internierung, die Flucht in die USA gelang. Er lebte bis zu seinem Tod in New York. Die Ehe blieb kinderlos.
  • Emma Reich (1881-1948) verheiratete Rosenzweig lebte nach dem frühen Tod ihres aus Ungarn stammenden Mannes Wilhelm mit ihren Kindern in Budapest. 1944 von den Nazis in einen jüdischen Frauentransport eingeordnet, gelang ihr die Flucht nach Budapest, wo sie sich bis zum Kriegsende in einem unter päpstlichen Schutz stehenden Hause aufhielt. Sie verstarb 1948 in Budapest. Emma Reich hinterließ zwei Kinder. Ihr Sohn Albert, geb. 1908, lebt heute mit seinem Sohn und dessen Familie in Sidney, Australien. Er hat Baden zuletzt im Jahre 2002 besucht.
  • Dr. Max Reich (1882-1956) absolvierte das Chemiestudium an der Universität und war in weiterer Folge Teilhaber der chemischen Fabrik „Saturn“ in Wien-Inzersdorf. Zusammen mit seiner Frau Stella neé Löwy (1888-1957) und Tochter Marion (geb. 1918) gelang ihm 1938 die Flucht nach Australien. Er verstarb 1956 in Sidney.

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau verlobte sich Rabbiner Wilhelm Reich im November 1899 mit der aus Karlsruhe stammende und um dreizehn Jahre jüngere Jenny Ellern (1865-1930), welche er im darauf folgenden Jahr zur Frau nahm.

Der zweiten Ehe entstammten eine Tochter und Zwillingssöhne:

  • Sidonie Sara (1901-1990), benannt nach der ersten Frau des Rabbiners, absolvierte ihre Schuljahre in Baden und war aktives Mitglied der zionistischen „Blau-Weiß“-Bewegung. Nach ihrer Hochzeit im Jahre 1924 folgte Sie Ihrem aus Deutschland stammenden Mann Berthold Sternfeld (1885- 1968) in dessen Heimatstadt Lübeck. Nach dem Tod von Oberrabbiner Reich 1929 übersiedelte die damals schon schwer kranke Rabbinergattin zu Ihrer Tochter, wo sie im darauf folgenden Jahr verstarb und auf dem Friedhof in Lübeck-Moisling ihre letzte Ruhestätte fand. Infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland flüchtete Sidonie Sternfeld Reich mit ihrem Mann und Sohn Heinrich 1934 über Österreich nach Palästina. Sidonie Sternfeld verließ Israel nur ein einziges einmal im Sommer des Jahres 1990, um die Gräber ihrer Eltern aufzusuchen. In diesem Zusammenhang traf sie mit Präs. MMag. Thomas E: Schärf zusammen. Sie verstarb noch im selben Jahr in Haifa.
  • Ernst (hebr. Avraham Jechesel) Reich (1902-1971): Aktives Mitglied der Badener „Blau-Weiss“ Bewegung. Nach Absolvenz des Badener Realgymnasiums von 1923-1928 Bankenlehre und -training beim Bankhaus Ignaz Ellern in Karlsruhe. Danach Übersiedlung nach Paris und Arbeit an der österreichischen Botschaft. In weiterer Folge nach Strassburg. 1932 Eheschließung mit Augustine Gittel Muschel (1910 - ). 1934 Emigration nach Palästina. Eine Tochter, Nicole Jaffa (1936 - ), verheiratet mit Grisha Feigin.
  • Dr. Sigmund (hebr. Aron Meir) Reich (1902-1976): Wie sein Vater war auch Sigmund Reich glühender Zionist und als solcher zusammen mit seinen Geschwistern Sidonie (Sidi) und Ernst Mitglied der Badener „Blau Weiss“ - Gruppe. Nach Absolvierung des Badener Realgymnasiums belegte er das Studium der Volkswirtschaft an der Universität Wien, welches er 1925 mit der Doktorwürde beendete. Mitglied der Hakoah in Wien. Nach kurzer Tätigkeit als Volontär bei der Firma Riedenstein & Co in Wien emigrierte er bereits im Jahre 1926 nach Palästina, wo er für die Anglo-Palestina Bank, der Vorläuferin der Bank Leumi, tätig wurde. 1927 heiratete er die Tochter des Rabbiners von Hebron, Sara Franco (1904 – unbekannt), welche Ehe 1938 geschieden wurde. Im gleichen Jahr folgte die Eheschließung mit der gebürtigen Berlinerin Edith Sonnenfeld (1923-1968). Der zweiten, in weiterer Folge wieder geschiedenen Ehe entstammt ein Sohn, Gad Reich (*1939). 1946 dritte Ehe mit Vera Fränkel (*1917), Tochter des Breslauer Oberlandesgerichtsrates Dr. Günther Fränkel. 1951 Entsendung seitens der israelischen Regierung nach Zypern. 1952 Geburt von Tochter Elisa verheiratete Buchmann. 1962 Entsendung nach Nigeria um die Nigerianische Bank zu reorganisieren. 1965 schließlich wurde Sigmund Reich in den Vorstand der Bank Leumi berufen. 1969 Pensionierung. 1976 verstirbt Sigmund Reich an den Folgen eines Herzanfalles.

✡ Rabbiner Salomon Friedmann z“tl (1875-1967)

Rabbiner Salomon Friedmann wurde am 18. April 1875 im burgenländischen Deutschkreutz als erster Sohn des bekannten Rabbiners David Friedmann, Vorsitzender des rabbinischen Gerichtes der bekannten Siebengemeinde, geboren.

Am 29. Mai 1901 heiratet er in Sauerbrunn die jüngste Tochter des Badener Rabbiners Wolf Kohn (1835-1913). Das junge Paar übersiedelt in weiterer Folge nach Baden, wo Salomon Friedmann seinem Schwiegervater in dessen Bethaus assistiert. 1902 und 1903 kommen in Baden die Töchter Betti bzw. Blanka geboren. 1904 übersiedelt Friedmann nach Bad Vöslau-Gainfarn, wo er die hiesige jüdische Gemeinde führt. 1909 Geburt des einzigen Sohnes David.

Nach dem Tod seines Schwiegervaters im Jahre 1913 folgt er diesem in dessen Rabbineramt am Herz´schen Bethaus nach und übersiedelt wiederum von Gainfarn nach Baden. Mit dem Titel eines Dajans und Rabbinatsassesors versehen wird er 1919 auch von der Israelitischen Cultusgemeinde Baden angestellt und zeichnet fürderhin für die Kaschruth, insbesondere die Haschgachah (rituelle Aufsicht), der Badener Kultusgemeinde verantwortlich. Ab dem Jahr 1925 bewohnt er mit seiner Frau eine Dienstwohnung im Gemeindehaus Vöslauerstrasse 31.

Nach dem Amtsantritt von Oberrabbiner Dr. Carlebach kommt es zunehmend zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen den beiden rabbinischen Persönlichkeiten, die 1938 in einer Amtsenthebung Dr. Carlebachs münden, welche aber von der Bezirkshauptmannschaft knapp vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten aufgehoben wird.

Am 24. Oktober 1938 flüchtet Rabbiner Salomon Friedmann mit seiner Frau und den beiden Töchtern zunächst nach St. Gallen ehe er in den Chanukkatagen Antwerpen erreicht. In einem Vorwort zu einem in diesem Jahr verlegten Buches seines Schwiegervaters schildert er in ergreifender Weise seinen Weggang aus Baden: „Gepriesen sei der Schöpfer und erhoben der dem Müden Kraft gibt, und dem Ohnmächtigen verleiht er Heilung und Stärke, denn mein Herz war zerbrochen und niedergeschlagen über die Vernichtung meines Volkes, denn die Feinde G“ttes standen gegen uns auf und verbrannten unser Heiligtum und die Pergamente und Tafeln, die Freude unserer Augen, und ich war ebenfalls in Bedrängnis, denn sie verbreiten mich von meinem Anteil am Erbe G“ttes, vom Erbe der Väter, d.h. meinem Haus, dem Beth Knesseth und Beth Midrasch des Gaon, des weisen Benjamin Zeev Kohn, in der Stadt Baden bei Wien. Am Rosh Chodesch Cheschwan, in den Abendstunden vergossen meine Augen Tränen wie ein Bach über die heilige Erde meines Lehrhauses und meines Bethauses, denn ich war gezwungen zu fliehen, in großem Schrecken, aus der Stadt Baden, zu nachtschlafener Zeit, um Österreich in Eile zu verlassen.“ Nach dem Einmarsch der Deutschen in Belgien gelingt ihm erneut die Flucht in die Schweiz, wo seine Frau 1943 in St. Gallen verstirbt. Nach dem 2. Weltkrieg übersiedelt er mit seinen Töchtern nach Israel, wo er in Bnei Brak seinen Lebensabend verbringt, und am 23. Cheschwan 5727 (1967) im hohen Alter von 92 Jahren verstirbt.


✡ Oberrabbiner Dr. Hartwig Carlebach (1889-1967)

Nach dem Tode von Oberrabbiner Reich wurde nach zweijähriger Vakanz des Oberrabbinates und Ausschreibung des Postens der aus Lübeck stammende Dr. Hartwig Naftali Carlebach (1889-1967) zum Badener Oberrabbiner bestellt. Seine feierliche Amtseinführung fand am 9. August 1931 statt. Ab dem Jahre 1934 bewohnt er das Haus  Helenenstrasse 6. Carlebach, der zuvor das Rabbinat an der Synagoge in der Berliner Passauerstrasse, versehen hatte, entstammte einer etablierten deutschen Rabbinerfamilie. Sein Vater war der langjährige Lübecker Rabbiner Dr. Salomon Carlebach (1845-1919). Seine Brüder versahen die Rabbinate in Köln (Emanuel, 1874-1927), Leipzig (Ephraim, 1879-1936), Hamburg und Altona (Dr. Joseph, 1883-1942) und Halberstadt (David, 1885-1913).

Rabbi Elie Chaim Carlebach
1925-1990

Der Ehe Dr. Hartwig Carlebachs mit der aus Basel stammenden Pauline, geb. Cohn, entstammen Cerline Shulamit (geb. 1919 - 2003) sowie die Zwillingssöhne Elie Chaim (1925-1990) und Salomon (Shlomo) (1925-1994). Rabbiner Shlomo Carlebach erlangte in der jüdischen wie auch in der nichtjüdischen Welt als singender Rabbiner Berühmtheit.

Rabbiner Salomon Carlebach
 1845-1919



✡ Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann (1835-1918)

Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann wurde am 19. 2. 1835 in Hildesheim (Deutschland) geboren. Nach seinem Studium an der Universität Breslau erhielt er vom dortigen Israelitisch Theologischen Seminar im Jahre 1862 seine Befähigung zum Rabbineramt und trat im selben Jahr eine Rabbinerstellung in Magdeburg an. Ab dem Jahre 1866 fungiert er als Rabbiner am Wien Leopldstädter Tempel ehe er nach dem Tod des Wiener Oberrabbiners Dr. Adolf Jellinek (1821-1893) zu dessen Nachfolger bestellt wird. Güdemann ist Verfasser von Werken zur jüdischen Kulturgeschichte und zur Religionsgeschichte. Er war zunächst Freund später vehementer Kritiker Theodor Herzls. Vor allem in den letzten Lebensjahren verbrachte Güdemann die Sommermonate gerne in Baden. Von Baden etwa korrespondiert er im Jahre 1915 beispielsweise auch mit dem bekannten deutschen jüdischen Philosophen Hermann Cohen (1841-1918). Er verstirbt im Hause Weilburgstrasse 99 am 5. April 1918, wird von der Chewra Kadischa Baden nach Wien überführt und auf der israelitischen Abteilung beim I. Tor des Wiener Zentralfriedhofes beerdigt.


✡ Hugo Bettauer (1872-1925)

Der Schriftsteller und Journalist Hugo Bettauer wurde während eines Sommeraufenthaltes seiner Eltern am 18. August 1872 in Baden geboren. Bettauer besucht zunächst das Stubenbastei-Gymnasium in der Wiener Inneren Stadt. In den 90er Jahren gelangt der in seinen 20ern mit dem Journalismus in Berührung Gekommene nach New York, wo er unter anderem für deutschsprachige Zeitungen des Hearst-Konzerns schreibt. Um oder kurz nach der Jahrhundertwende übersiedelt Bettauer aber nach Berlin, wo er durch die Thematisierung der Bestechlichkeit der preußischen Polizei und Beamten Aufsehen erregt. Nachdem er die Korruption des Direktors des Berliner Hoftheaters aufdeckt und dieser Selbstmord begeht, ist Bettauer gezwungen Preußen zu verlassen. Nach einer Zwischenstation in Hamburg kehrt er 1904 zunächst nach New York zurück, ehe er sich 1910 als amerikanischer Staatsbürger wieder in Wien niederlässt. In den Jahren 1914 bis 1918 ist er hier als Redakteur der „Neuen Freien Presse“ tätig. 1919 schließlich erscheint Bettauers erster Roman, „Faustrecht“ in Buchform. 1922 sein wohl bekanntestes Werk „Die Stadt ohne Juden“, in dem sich der Autor mit dem herrschenden Antisemetismus auseinandersetzt. Der in verschiedene Sprachen übersetzte Roman wird schließlich auch verfilmt.

Im Februar 1924 erscheint erstmals Bettauers „Er & Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik“. Bettauer will mit dieser neuen Zeitschrift "die Beziehungen (...) zwischen Mann und Weib aus dem Sumpf einer verlogenen Pseudomoral zur sittlichen, freien Höhe emporheben." In seinen Leitartikeln nimmt er zu heiklen Fragen wie etwa der Änderung der Abtreibungsbestimmungen, gleichgeschlechtlichen Beziehungen, Schutz des unehelichen Kindes oder zum Mieterschutz Stellung. Nach fünf Ausgaben muss die Publikation der Zeitschrift schließlich eingestellt werden und Bettauer wird wegen Vergehens gegen die öffentliche Sittlichkeit, Vergehens gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung und – wegen in der Zeitschrift erschienen Kontaktannoncen - auch gewerbsmäßiger Kuppelei angeklagt. Die Causa Bettauer schlägt vor allem auch politischen Wirbel: Im Wiener Gemeinderat vom 21. März 1921 kommt es zu einem regelrechten Tumult zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten.


Auch Bundeskanzler Seipel nimmt zum „Fall Bettauer“ öffentlich Stellung. Im September wird Bettauer schließlich von allen Anklagepunkten freigesprochen, doch ertönen immer wieder Stimmen die aufrufen an Bettauer Lynchjustiz zu üben. Die regelrechte und vor allem heftig antisemitisch geführte Hetze in der Bettauer zum jüdischen Sittenverderber hochstilisiert wird flaut nicht ab.

 

Schließlich wird Hugo Bettauer am 10. Mai 1925 in der Redaktion seiner neuen Zeitschrift „Bettauers Wochenschrift. Probleme des Lebens“ in der Wiener Lange Gasse 5-7 vom Nationalsozialisten Otto Rothstock durch mehrere Schüsse schwerst verletzt. Er erliegt seinen Schussverletzungen am 26. März 1925 im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Christlichsoziale und deutschnationale Zeitungen rechtfertigen die „Befreiungstat“ des „braven, häuslichen, sparsamen und sittenreinen Attentäters“, der in „ehrlicher sittlicher Empörung sich bei der Wahl der Mittel vergriffen“, aber eben doch nur ein „Volksurteil“ vollstreckt habe. „Wenn irgend jemand, so hat er durch diese Gesetzestreue, die zugleich eine Tat praktischer Jugendfürsorge war, das Ehrenzeichen der Republik verdient.“ Der Prozess gegen Rothstock im Herbst wurde zu einem Verfahren gegen den Ermordeten. Obwohl schuldig gesprochen, wurde Rathstock nach „Steinhof“ eingewiesen, von wo er nach nur eineinhalb Jahren als freier, „geheilter“ und wohlhabender Mensch entlassen wurde, da sein Rechtsanwalt, der Gründer der NSDAP in Wien, Walter Riehl, für ihn eine Spendesammlung organisiert hatte. Auf Grund seiner Verdienste konnte er später innerhalb nationalsozialistischer Organisationen Karriere machen.

 

Zum Gedenken an den Schriftsteller wurde am 18. Juni 2002 an Bettauers Wohnhaus in Wien, Lange Gasse 21, eine Gedenktafel enthüllt.

 

Von den Werken Bettauers erschienen u.a: Faustrecht (Kriminalroman, 1919), Hemmungslos (Kriminalroman, 1920), Die drei Ehestunden der Elizabeth Lehndorff (Roman, 1921), Die Stadt ohne Juden (Roman, 1922; verfilmt), Der Kampf um Wien (Roman, 1923), Das entfesselte Wien (Roman, 1924), Die freudlose Gasse (Roman, 1924; 1925 verfilmt mit Greta Garbo), der Frauenmörder und der Kampf ums Glück (Roman, 1926).


✡ Dr. Karl Landsteiner (1868-1943)

Der bekannte Mediziner Dr. Karl Landsteiner kam am 14. Juni 1868 kommt im Hause Baden, Neugasse 7 (heute Conrad von Hötzendorfplatz 4) zur Welt. Im Alter von 21 Jahren trat Landsteiner mit seiner Mutter zum Katholizismus über. Nach Positionen in Wien und Den Haag emigrierte er im Jahre 1922 nach den USA und erhielt 1930 für die Entdeckung der Blutgruppen den Nobelpreis für Medizin. Er verstarb am 26. Juni 1943 in New York. Im Oktober 2004 wurde nach Dr. Karl Landsteiner eine der Alleen am Bahnhofsplatz benannt.

✡ Max Reinhardt (1873 - 1943)

Am 9. September 1873 kam im Hause Mariengasse 2 der Schauspieler und Regisseur Max Reinhardt als Sohn des Wiener Kaufmannes Wilhelm Goldmann und dessen Frau Rosa (geb. Wengraf) zur Welt. 1904 erhält die gesamte Familie die Bewilligung zur Änderung des Familiennamens Goldmann in Reinhardt. Reinhardt wurde in Österreich unter anderem durch die Gründung der Salzburger Festspiele bekannt. Er verstarb am 31. Oktober 1943 in New York. Im Oktober 2004 wurde nach Max Reinhardt eine der Alleen am Bahnhofsplatz benannt.



✡ JURA (eigentlich: Juri) SOYFER (1912-1939)

Der bekannte Schriftsteller, Dramatiker und Kabarettautor lebte die ersten eineinhalb Jahre nach der Emigration der Familie aus der Ukraine - von Mai 1921 bis August 1922- in Baden und besaß hier bis zu seinem Tod im Jahre 1939 das Heimatrecht. Das Bild zeigt ihn 1935.

 

Jura Soyfer wurde am 8. Dezember 1912 in Charkow, Ukraine, als zweites Kind des Ehepaares Wladimir und Ljubov Soyfer geboren. Die Familie lebt in großbürgerlichen Verhältnissen, bereits in jungen Jahren werden Juri und seine um fünf Jahre ältere Schwester in Französisch und Literatur unterwiesen. Aufgrund des Bürgerkriegs verlässt die Familie 1920 die Ukraine, bleibt einige Zeit in Konstantinopel und trifft schließlich im April 1921 in Wien ein. Bereits im Mai 1921 lassen sich Soyfers in Baden nieder und beziehen die Villa Strasserngasse Nr. 13. Im August 1923 übersiedelt die Familie nach Wien, wo Juri in das Bundesrealgymnasium in der Hagenmüllergasse eintritt. Bereits 1927 tritt er den Sozialistischen Mittelschülern bei und beginnt 1929 beim Politischen Kabarett der Sozialdemokraten.

 

Nach ersten Publikationen im Jahre 1930 beginnt Soyfer nach seinem Abitur 1931 regelmäßig unter dem Namen "Jura" in der Arbeiterzeitung zu publizieren und setzt sich hier insbesondere mit dem Faschismus auseinander. Als im März 1933 das Parlament ausgeschaltet und im darauf folgenden Jahr die Arbeiterbewegung zerschlagen wird, ist er aktiver Teil des Widerstandes. Am 17. November 1937 schließlich wird Juri Soyfer wegen seiner politischen Betätigung verhaftet. Erst durch eine Generalamnestie gelangt Soyfer am 17. Februar 1938 wieder in Freiheit. Bereits einem Tag nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten versucht er in die Schweiz zu fliehen, wird dabei von österreichischen Zöllnern widerrechtlich verhaftet und nach Gefängnisaufenthalten in Bludenz, Feldkirch und Innsbruck schließlich in das Konzentrationslager Dachau überstellt.

 

Hier schreibt er auch sein später vertontes "Dachau-Lied". Von Dachau aus wird Soyfer am 23. September 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Den Eltern und der Schwester Juri Soyfers schließlich gelingt die Flucht nach den USA, wo sie Anfang Februar 1939 eintreffen. Jura Soyfer verstirbt am 16. Februar 1939 im Konzentrationslager Buchenwald an Typhus. Seine für Wiener Kleinkunstbühnen verfassten satirischen Stücke und Szenefolgen richten sich vor allem gegen soziale Ungerechtigkeit und politischen Illusionismus, er galt als "Dichter der Armen".

 

Werke u.a.: Proletarische Weihnachtsfeier (1932), Silvesterfeier (1933/34), Weltuntergang (Drama, 1936); Der Lechner Edi schaut ins Paradies (Drama, 1936), Astoria (Drama, 1937), Vineta (Drama, 1937), Broadwaymelodie 1492, Dachau-Lied (1938)